INCI lesen — was eine Zutatenliste 2026 verrät
Die International Nomenclature of Cosmetic Ingredients ist seit 1973 das verbindliche Vokabular der Kosmetik-Inhaltsstoffe. Wer sie lesen lernt, sieht hinter Marketing-Begriffe und erkennt, was wirklich in einer Tube steckt — Reihenfolge nach Konzentration, Allergene fett gedruckt, Parfumstoffe als Einzelnachweis.
Die Zutatenliste auf der Rückseite einer Cremedose, eines Lippenstifts oder einer Sonnencreme ist kein Werbetext. Sie ist ein regulatorisch definiertes Pflichtelement, festgelegt in Artikel 19 der EU-Kosmetikverordnung 1223/2009, und sie folgt einem Vokabular, das seit 1973 schrittweise standardisiert wurde: der International Nomenclature of Cosmetic Ingredients, kurz INCI. Wer dieses Vokabular lesen lernt, hält ein Instrument in der Hand, mit dem sich Formulierungen quer durch Marken und Preisklassen vergleichen lassen.
Die Reihenfolge ist nicht zufällig
Die wichtigste Regel zuerst: INCI-Listen sind nach absteigender Konzentration sortiert — bis hinunter zu einem Massenanteil von einem Prozent. Was vor der 1-Prozent-Schwelle steht, steht in absteigender Reihenfolge; was danach kommt, darf in beliebiger Reihenfolge gelistet werden. Daraus folgt eine einfache Heuristik: Steht Aqua an erster Stelle (was bei Cremen die Regel ist), bildet Wasser den größten Massenanteil. Steht Niacinamid an dritter Stelle, ist es ein Hauptwirkstoff. Steht es weit hinten, ist es eine homöopathische Beigabe.
Diese Konzentrations-Information ist regulatorisch nicht explizit verlangt, ergibt sich aber aus der Listen-Reihenfolge — und genau darin liegt der Wert. Marken, die in ihrer Marketingkommunikation von „hochdosiertem Wirkstoff X” sprechen, ihn aber an zwölfter Position listen, geben sich auf der Rückseite selbst preis.
Trivialname und INCI-Name
INCI-Bezeichnungen sind nicht identisch mit Alltagsnamen. Hyaluronsäure heißt INCI-konform Sodium Hyaluronate oder Hyaluronic Acid; Vitamin C heißt Ascorbic Acid, L-Ascorbic Acid, Ascorbyl Glucoside oder Magnesium Ascorbyl Phosphate — und diese Varianten sind nicht austauschbar. L-Ascorbic Acid ist die reine Form, instabil und bei niedrigem pH-Wert wirksam; Magnesium Ascorbyl Phosphate ist eine stabilere Esterform mit anderer Bioverfügbarkeit. Wer „Vitamin C” auf der Verpackung liest, ohne in die INCI-Liste zu schauen, weiß nicht, welche der Varianten tatsächlich enthalten ist.
Allergene und Parfumstoffe
26 Duftstoffe, die nachweislich Kontaktallergien auslösen können, müssen seit 2005 einzeln auf der INCI-Liste benannt werden, sobald sie definierte Grenzwerte überschreiten (0,001 % in Leave-on-Produkten, 0,01 % in Rinse-off-Produkten). Dazu gehören etwa Limonene, Linalool, Citral, Geraniol, Eugenol, Cinnamal. Wer ein Produkt mit Parfum in der Liste sieht und darunter eine Reihe dieser Begriffe, kennt nicht nur das Dass, sondern auch das Was der Parfumierung — und damit das wahrscheinliche Allergie-Profil.
Mit der laufenden 2026er Erweiterung der Liste (Inkrafttreten in mehreren Schritten) steigt die Zahl der einzeln deklarationspflichtigen Duftstoffe auf voraussichtlich 81. Das ist eine substantielle Verschiebung — Marken, die bisher mit Parfum allein arbeiteten, werden ihre Rückseiten deutlich länger machen müssen.
CI-Codes für Farbstoffe
Pigmente und Farbstoffe werden als Colour Index-Codes deklariert: CI 77891 ist Titandioxid (Weißpigment, gleichzeitig UV-Filter), CI 77491, CI 77492, CI 77499 sind Eisenoxide (rot, gelb, schwarz). CI 15850 ist ein synthetischer Rotpigment-Lack. Diese Codes sind in einem internationalen Verzeichnis hinterlegt; sie sind über Marken hinweg vergleichbar. Wer einen Lippenstift in „Rosé Petal” und einen anderen in „Coral Garden” nebeneinanderlegt und in beiden CI 15850 und CI 77491 findet, sieht: Die Farbe entsteht aus denselben Pigmenten, die Mengenverhältnisse erzeugen den Namen.
Funktionelle Klassen erkennen
Mit etwas Übung erkennt man INCI-Komponenten an ihrer Funktion: -yl Stearate, -yl Palmitate, -yl Oleate sind Esterwachse (Konsistenzgeber). Polysorbate, Lecithin, Cetearyl Glucoside sind Emulgatoren. Phenoxyethanol, Benzyl Alcohol, Sodium Benzoate sind Konservierungsmittel. Tocopherol (Vitamin E) ist Antioxidans. Glycerin, Propanediol, Butylene Glycol sind Feuchthaltemittel. Diese Funktionsklassen helfen bei der Frage: Ist das hier eine reichhaltige Pflegeformulierung oder eine wässrige Quick-Absorb-Textur?
Was die INCI nicht verrät
Sie verrät die qualitative Zusammensetzung — aber nicht die Reinheitsgrade einzelner Rohstoffe, nicht die Verarbeitungstechnik (Hochdruck-Homogenisierung, Liposomen, Encapsulation), nicht die Stabilität der Formulierung über die Haltbarkeitsperiode. Eine identische INCI-Liste kann in zwei Produkten verschiedener Hersteller zu deutlich unterschiedlichen Hautwirkungen führen — die Rezeptur ist mehr als die Liste ihrer Bestandteile.
Trotzdem: Die INCI-Liste lesen zu können, schiebt die Bewertung eines Produkts von der Marketing- auf die Material-Ebene. Das ist der Schritt, den jedes regelmäßige Lesen dieses Heftes voraussetzt.